Retail-Tour: Wie Marken im Pariser Marais-Viertel die Rolle der Boutique neu definieren

Im Vorfeld der Messe NRF Retail's Big Show Europe, ausgerichtet vom US-Handelsverband National Retail Federation (NRF), organisierte der Veranstalter Comexposium eine Retail-Tour durch Paris für französische und internationale Journalist:innen. Der Rundgang am Vortag der Eröffnung – die Messe läuft vom 15. bis 17. September 2026 an der Porte de Versailles – zeigte, wie Marken ihre Boutiquen neu erfinden. Sie sind zu einem Ort des Erlebens geworden und zu einem Instrument, um die eigene Identität zu inszenieren.

Schauplatz war das Marais. Das Viertel hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt, von einer Adresse für Designer:innen zu einem Standort für Marken aller Segmente. Premium-Labels wie Zadig & Voltaire, Maje und Claudie Pierlot sind hier ebenso vertreten wie die Mass-Market-Anbieter H&M und Uniqlo, dazu kommen das Kaufhaus BHV Marais, Premium-Multimarken-Stores und Pop-ups von Designer:innen. Der Tourguide sprach von einem „Viertel, das eine ausgewählte Kundschaft anspricht".

Ami Paris zieht vor allem internationale Kundschaft an

Ami-Boutique im Pariser Marais Credits: F. Julienne

Die Tour begann in der Boutique von Ami Paris in der Rue de Turenne. Die französische Marke gewinnt im Ausland an Beliebtheit, entsprechend viele Fragen gab es zu Positionierung, Filialnetz und durchschnittlichem Warenkorb.

Das Geschäft ist nach Themenwelten gegliedert – Taschen, Kleidung und Accessoires, überwiegend unisex. Vor etwa fünf Jahren kam Modeschmuck dazu, eine nach eigener Darstellung noch junge Kategorie. Ein abgetrennter Bereich bietet ausgewählten Kund:innen Privatsphäre.

Bei der Eröffnung im Marais habe das Team mit vielen französischen Kund:innen gerechnet, hieß es. Tatsächlich machen diese nur 20 bis 30 Prozent aus. Die Mehrheit kommt aus den USA, der Türkei und Asien, vor allem aus Japan, Korea und China. Diese Gruppen reagierten laut der Marke stärker auf die Aussagekraft des Logos als die französische Kundschaft.

Weiter ging es zum Dover Street Market in der Rue des Francs-Bourgeois, einem kuratierten Ort für Designer:innen und Premium-Marken. Der von Rei Kawakubo und Adrian Joffe gegründete Store liegt in einem Innenhof und hat keine Fassade, ein Gegenpol zur auffälligen Sichtbarkeit vieler Marken. Dass das Konzept ankommt, zeigte der Andrang im ersten Stock.

Adidas-Ausstellung im Dover Street Market Paris Credits: F. Julienne

Es folgte ein kurzer Besuch im Maison Nespresso in der Rue Vieille-du-Temple, nach Angaben des Unternehmens der weltweit erste Kaffee-Konzeptstore. Die Boutique verbindet Verkostungen und Erlebnisse rund um den Kaffee mit Masterclasses, Objekten, Accessoires und Produkten aus Kollaborationen.

Retail-Tour bei Nespresso im Marais Credits: F. Julienne

Coach Play macht die Boutique zum Spielplatz

Der Standort in der Rue Sainte-Croix-de-la-Bretonnerie wurde am 23. Juli 2026 eröffnet. Es ist die erste echte Coach-Play-Boutique in Europa und die 16. weltweit. Das international erprobte Format setzt auf Interaktion mit der Kundschaft.

Auf zwei Etagen können Besucher:innen mit einer bereitgestellten Polaroid-Kamera Fotos machen oder ihre Tasche personalisieren lassen.

Coach Play im Marais Credits: F. Julienne

Das Obergeschoss ist dem Stamping gewidmet. Wer ein Coach-Produkt kauft, kann es dort kostenlos mit dem eigenen Namen oder einem Motiv versehen lassen, einige davon eigens für die französische Hauptstadt entworfen. Eine Ecke widmet sich dem Erbe der 1941 gegründeten New Yorker Marke, erklärt die Herstellung der Taschen und die Auswahl der Designs und zeigt Bücher über die Archive.

Warum Kleidung an diesem Standort offensichtlich keine zentrale Rolle spielt? Die Runway-Looks seien den Schaufensterpuppen vorbehalten, hieß es, der Rest sei „online oder in Outlets" erhältlich.

Die Tour endete bei Caudalie. Die Marke verkauft dort nicht nur Produkte, sondern bietet auch Yoga- und Pilates-Kurse sowie ein Spa an. Das bestätigt einmal mehr, was der stationäre Handel dem Onlinekauf entgegensetzen will – einen Ort, eine Interaktion, einen Service, eine Personalisierung. Kurz gesagt ein Markenerlebnis.


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