Großhandelsmarktplatz Faire: Lebendige Innenstädte statt Rabatte
Die Rolle des stationären Einzelhandels und damit auch der Innenstädte verändert sich. Während einige das Aussterben der Innenstädte vorhersehen, weisen andere auf die veränderten Bedürfnisse der Verbraucher:innen hin.
FashionUnited sprach mit Olivier Buffon, Head of International beim Online-Großhandelsmarktplatz Faire, über die Zukunft von Innenstädten und Geschäften, die Rolle der Digitalisierung, wie Einzelhändler:innen langfristig erfolgreich bleiben und mehr.
Welche Veränderungen beobachten Sie aktuell im stationären Handel und was bedeutet das für die Zukunft von Innenstädten und Geschäften?
Die Rolle des stationären Einzelhandels im Leben der Menschen verändert sich. Ein Besuch in der Innenstadt dreht sich zunehmend weniger darum, einfach etwas zu kaufen, sondern vielmehr darum, Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen, etwas Neues zu entdecken und das Einkaufserlebnis zu genießen. Der Einkaufsbummel konkurriert daher nicht auf reiner Preisbasis mit dem Onlinehandel. Vielmehr fragen sich die Menschen, ob dies ein Ort ist, an dem sie ihre Zeit verbringen möchten.
Lässt sich dieser Wandel auch mit Zahlen belegen?
Wir haben kürzlich eine Umfrage mit mehr als 2.000 deutschen Konsument:innen durchgeführt und genau diesen Wandel beobachtet: Wenn Konsument:innen eine Innenstadt als lebendig wahrnehmen, bleiben 44 Prozent länger, 43 Prozent kommen häufiger zurück und 40 Prozent besuchen mehr Geschäfte. Unseren Ergebnissen zufolge wird dieses Gefühl nicht durch Rabatte, Sonderangebote oder Bequemlichkeit ausgelöst, sondern durch Orte, an denen Menschen Zeit verbringen können, und durch einzigartige, unabhängige Geschäfte.
Spielt der Preis dann überhaupt noch eine Rolle?
Natürlich bleibt der Preis ein wichtiger Faktor im Einzelhandel. Aber auch Atmosphäre, kuratierte Sortimente, persönliche Interaktion und einprägsame Erlebnisse haben einen messbaren kommerziellen Einfluss.
Welche Rolle spielt Digitalisierung bei dieser Entwicklung?
Wir leben in einer Zeit, in der sich die Nachfrage der Kund:innen schneller verändert als je zuvor. Neue Subkulturen entstehen ständig und regelmäßig kommen neue Mikrotrends auf. Und so wichtig die genannten Faktoren jenseits des Preises für unabhängige Einzelhändler:innen geworden sind, so herausfordernd wird es zunehmend, mit diesen Veränderungen Schritt zu halten.
Darüber hinaus hat das Onlineshopping in den vergangenen Jahren zu einer Standardisierung des Einkaufserlebnisses für Konsument:innen geführt, die durch den Aufstieg von künstlicher Intelligenz (KI) noch verstärkt wurde. Die Informationsflut und die daraus resultierende Ähnlichkeit haben dazu geführt, dass viele Konsument:innen gezielt nach etwas stärker Kuratiertem und Einzigartigem suchen.
Ist die Digitalisierung für unabhängige Händler:innen also eher Risiko oder Chance?
In dieser Hinsicht kann die Digitalisierung eine echte Chance für unabhängige Einzelhändler:innen sein. Über digitale Marktplätze können sie das ganze Jahr über neue Marken entdecken, kleinere Bestellmengen testen und ihre Sortimente kontinuierlich anpassen. Entscheidend ist, nicht jedem einzelnen Trend hinterherzulaufen, sondern zu verstehen, welche Entwicklungen für die eigenen Kund:innen tatsächlich relevant sind. Das gibt Einzelhändler:innen die Möglichkeit, unverwechselbare Sortimente zusammenzustellen, die sich von den einheitlichen Angeboten großer Onlineplattformen abheben und Entdeckungen abseits dessen ermöglichen, was der übliche Online-Feed hervorbringen würde.
Wie verändert sich die Bedeutung persönlicher Begegnungen im Einzelhandel durch digitale Tools?
Wir stellen überhaupt nicht fest, dass digitale Tools persönliche Beziehungen im Einzelhandel ersetzen. Ich würde vielmehr sagen, dass sie diese erweitern. So wie Fachmessen weiterhin ein wichtiger Ort für persönlichen Austausch, Networking und die Entdeckung neuer Marken sind, helfen digitale Plattformen dabei, diese Verbindungen das ganze Jahr über aufrechtzuerhalten.
Vertrauen, starke Geschäftsbeziehungen und die Inspiration, die aus persönlichen Gesprächen entstehen, können nicht ersetzt werden. In einer Zeit, in der die Produktauswahl immer umfangreicher und zugänglicher wird, werden persönliche Verbindungen noch wertvoller und die Zukunft des Einzelhandels liegt darin, das Beste aus beiden Welten zu verbinden. Digitale Lösungen machen den Einkauf effizienter und erweitern den Zugang zu Marken auf der ganzen Welt, während persönliche Interaktionen die Grundlage für langfristige Partnerschaften bilden.
Viele unabhängige Einzelhändler:innen stehen vor der Herausforderung, mit großen Plattformen und Handelsketten zu konkurrieren. Wie schaffen sie das?
Entscheidend ist, Kund:innen ein Erlebnis zu bieten, das große Handelsketten und Onlineplattformen nicht nachbilden können. Unabhängige Einzelhändler:innen sollten sich auf ihren Wettbewerbsvorteil konzentrieren: ihre Individualität und ihre Fähigkeit, ein durchdachtes und gut zusammengestelltes Produktangebot zu kuratieren.
In einer Welt, in der Konsument:innen mit Informationen und einer nahezu unbegrenzten Produktauswahl überflutet werden, wird es immer wertvoller, Kund:innen dabei zu helfen, sich in dieser Fülle zurechtzufinden und Produkte auszuwählen, die wirklich ihren Bedürfnissen entsprechen. Deshalb entwickeln erfolgreiche Einzelhändler:innen eine klare Identität und stellen Sortimente zusammen, die ihre Werte, ihren Stil und ihre Persönlichkeit widerspiegeln.
Wie stark schlägt sich Einzigartigkeit gegenüber dem Preis nieder?
Unsere Umfrage zeigt dies sehr deutlich: Vier von zehn Konsument:innen besuchen Geschäfte häufiger, wenn diese durch sorgfältig kuratierte Sortimente Inspiration und Entdeckung bieten. Bei der Kund:innenbindung ist die Bedeutung eines einzigartigen Sortiments inzwischen nahezu ebenso groß wie die des Preises. Für 46 Prozent ist der Preis der wichtigste Faktor für Kund:innenbindung, während es für 45 Prozent die Einzigartigkeit der Produkte ist. Infolgedessen ist die Option „Nicht auf Amazon“ zum am häufigsten verwendeten Suchfilter auf Faire geworden.
Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft blicken: Welche Einzelhändler:innen werden langfristig erfolgreich sein und wie wird sich der stationäre Handel weiterentwickeln?
Ich denke, die größte Veränderung, die wir sehen werden, betrifft die Effizienz des Einkaufens und der Produktentdeckung, während die menschliche Seite des Einzelhandels noch wertvoller werden wird. Da Konsument:innen zunehmend von Algorithmen, KI-generierten Empfehlungen und einer endlosen Auswahl umgeben sind, werden sie bei ihren Entscheidungen nach vertrauenswürdiger Expertise und Orientierung suchen.
Erfolgreich werden diejenigen Einzelhändler:innen sein, die beides miteinander verbinden: digitale Tools nutzen, um intelligenter zu arbeiten, und gleichzeitig in die Dinge investieren, die Technologie nicht ersetzen kann. Dazu gehören Mitarbeiter:innen, die als kompetente Berater:innen agieren, starke Beziehungen zu Kund:innen und Geschäfte, die einen Grund bieten, sie über den eigentlichen Kauf hinaus zu besuchen. Die Zukunft des stationären Einzelhandels wird von denjenigen geprägt sein, die Bequemlichkeit in Verbindung und Auswahl in Vertrauen verwandeln können.
Das Interview wurde in schriftlicher Form geführt.
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